Wenn das Rad neu erfunden wird

Ich bin Testk…unde. Nicht -kaninchen. Obwohl ich mir ein kleines bisschen so vorkomme.

Seit März probiere ich ein neues öffentliches Fahrradkonzept aus. StadtradBerlin haben es die Macher getauft, so eine Art Joint Venture der Deutschen Bahn (die ja mit ihrem Call-a-Bike-Konzept schon eine Art Fahrradvermietung betreiben), des Berliner Senats und des Bundesverkehrsministeriums.

Die Idee klingt erst mal ganz gut. Ich habe eine schicke Plastikkarte (oh weh, noch eine…) mit RFID-Chip und kann damit zwei Monate lang kostenlos an elf Stationen in der Berliner Innenstadt ein Fahrrad ausleihen, damit rumfahren und es hinterher wieder abstellen. An einer dieser Stationen.

StadtRadBerlinSaeule

Und da zeigt sich auch schon der erste Haken dieses Systems. Das bestehende Netz der Call-a-Bike-Mieträder in Berlin (und in anderen Städten bundesweit) basiert darauf, dass ich ein irgendwo an einer Straßenkreuzung stehendes Mietrad finde, über Handy einen Öffnungscode für das Schloss abfrage, das Rad am Ende meiner Fahrt wieder an einer beliebigen Straßenkreuzung innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings abstelle und mich wiederum übers Mobiltelefon vom System abmelde (und mir die Kosten für die Nutzungszeit berechnet werden). Nachteil: ich brauche ein Handy. Vorteil: Das Rad kann überall stehen, vorher wie nachher.

Das neue, mit einigem Aufwand jetzt erprobte Konzept hat den Vorteil: ich brauche kein Handy. Dafür aber den Nachteil: Ich kann das Rad nur an einer der Ausleihstationen anmieten – und auch nur dort wieder zurückgeben.

Das kann schon mal schiefgehen. Heute war nix mit Radfahren. Da standen zwar genug Räder an der Station hinter dem Bahnhof Friedrichstraße. Aber die computerisierte Säule, die meine Chipkarte liest, teilte mir freundlich mit: es gebe derzeit leider keine Verbindung zum System. Keine Verbindung, kein Rad. Ist doch klar.

StadtRadBerlinFehler

Umgekehrt hätte das genau so schiefgehen können: Keine Verbindung, keine Rückgabe. Nun ist mir das als Testkaninchenkunde in der Probephase egal, weil es mich eh nix kostet, und wenn ich das Rad erst morgen zurückgebe. Würde ich pro Minute zur Kasse gebeten, würde mich das ganz schön aufregen.

Aufregen würde es mich auch, wenn ich das Rad retournieren wollte – aber nicht könnte, weil alle Stellplätze an einer Station belegt sind. Und dann? Radele ich dann so lange durch die Gegend, bis ich einen Station mit freiem Stellplatz finde?

All‘ diese Bedenken habe nicht nur ich, wie ich kürzlich bei einer Fokusgruppendiskussion anderer Testkaninchenkunden mit einer netten Diplom-Geographin feststellen durfte. Wir alle sahen diese Nachteile.

Dann frage ich mich allerdings, warum erst ausprobiert werden muss, welches innovative System die Zukunft des Fahrradverleihs bestimmen wird! Weil es ja schon eins, nein zwei Systeme in der Hauptstadt gibt: Die altbekannten Fahrradverleiher, bei denen ich stundenweise/tageweise miete und das Rad wieder dorthin zurückbringen muss. Und das bisherige Bahnsystem, bei dem ich das Rad flexibel anmieten und nach Bedarf stehen lassen kann.

(Wenn man schon was ganz neues machen will – warum dann nicht eine Erweiterung des bestehenden Call-a-Bike-Systems um eine Chip/RFID-Karte, die auch ohne Handy das Ausleihen erlaubt? Vielleicht sogar als PrePaid-Karte für Touristen? Allerdings, das existierende BahnRad-System hat auch seine Macken. Es ist schon etwas frech, als Kundenhotline nur eine 0700-Nummer anzugeben – jeder kann mal in die Preisliste seines Mobilfunkanbieters gucken, was da ein Anruf pro Minute kostet… )

Aber vielleicht gab es bei Berliner Senat und beim Verkehrsministerium noch bisschen Geld für so einen Großversuch. Schließlich ist es immer eine Herausforderung, das Rad neu zu erfinden.

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