Die Bahn, das Rad und die Großstadt

Die Deutsche Bahn fürchtet ihre ganz eigenen fünf Reiter der Apokalypse. Neben den vier Hauptgegnern Frühling, Sommer, Herbst und Winter schrecken die Verantwortlichen vor allem vor dem fünften Reiter zurück: der Öffentlichkeit. Ob Klimaanlagen ausfallen, Schnee in High-Tech-Zügen die Verbindung lahmlegt oder ein Streik (für den die DB dann mal nichts kann) Züge ausfallen lässt: Möglichst nicht drüber reden. Vielleicht merkt es ja keiner.

So oder so ähnlich agiert die Bahn auch bei einem der Projekte, die ihr bislang meist Wohlwollen eingetragen haben: Dem Mietrad-System Call a Bike (mal eingedeutscht: Ruf‘ Dir ein Fahrrad). Denn die Idee hinter dem System ist ja gut – stunden-, gar minutenweise ein Fahrrad mieten, wieder irgendwo abstellen, fertig.

Und dann schafft es die Bahn ausgerechnet in der größten deutschen Stadt, die Benutzer dieses Systems so richtig abzuschrecken. Vollkommen ohne Kommentar stellte die DB  zum Frühlingsanfang nicht wieder ihre Mieträder in Berlin auf die Straße – sondern änderte grundlegend das System. Die Benutzer in Berlin wurden so eher nebenbei im Newsletter des Call a Bike-Systems, nun ja, nicht gerade informiert, aber zumindest auf die vollendeten Tatsachen hingewiesen.

(Call a Bike am Boden.)

Wer sich durch die leicht verworrenen Texte bis zur eigentlichen Info-Seite vorgearbeitet hat, lernt dann:

Im April startet Call a Bike in Berlin mit einem stationsbasierten System und vereinfachter Entleihe in die neue Saison. Stationen und Räder sind dann mit Kartenlesegeräten und moderner Funktechnik ausgestattet. Somit können Sie Räder künftig mit Ihrer EC- oder Kreditkarte direkt an einem Terminal oder wie gewohnt per Telefon und Mobilfunk-Applikation entleihen. Bitte beachten Sie: Die Ausleihe und Rückgabe erfolgt ausschließlich an den Stationen.

Aha. Stationsbasiertes System. Vereinfachte Entleihe. Das ist Marketingsprech vom Feinsten. Und was steckt dahinter?

Bisher war das System in Berlin recht einfach – wenn man es erst einmal verstanden hatte. Die Entleihe war an die eigene Handy-Nummer gekoppelt. Irgendwo im Call a Bike-Nutzungsgebiet der Hauptstadt – innerhalb des gesamten S-Bahn-Rings – konnte man ein Fahrrad anmieten, indem man den Buchungscomputer anrief, von dem man den Öffnungscode für das Fahrradschloss erhielt. Am Ziel, wiederum irgendwo innerhalb des S-Bahn-Rings angekommen, stellte man das Rad an einer (möglichst größeren) Kreuzung ab, meldete dem Buchungscomputer per Mobiltelefon den Quittungscode des verriegelten Rades und den Standort, und das war es.

Nun mag dieses Vorgehen für manchen zu kompliziert gewesen sein. Deswegen stellt die Bahn jetzt auf ein System um, bei dem man mit einer Kundenkarte an Stationen mit Terminal ein Rad ausleiht. So ähnlich wie beim Velib-System in Paris.

Klingt erst mal gut. Praktisch wird allerdings auf einen Schlag der Nutzungsraum der Mieträder mehr als halbiert.

Denn bislang, wie beschrieben, fuhr man mit dem Rad durch den riesigen Bereich innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings. Künftig holt man das Rad nur an einer festen Station – und gibt es auch dort wieder ab.

Und wo sind diese Stationen? Ein Blick auf die Karte mit dem geplanten Ausbau zeigt es: In diesem Jahr kann man mit den DB-Rädern im Berliner Bezirk Mitte fahren. Ein bisschen auch in Kreuzberg und im Szene-Gebiet Prenzlauer Berg.

Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg, Tiergarten? Fehlanzeige. Da gibt es künftig keine Mieträder mehr. Sollen die doch Auto fahren. Oder S-Bahn. Oder so.

Neinneinnein, versicherte mir ein Mitarbeiter der DB-Rent (das ist die Bahn-Tochter, die solche Mietgeschichten betreibt). Langfristig solle es doch viel mehr als die bis zu 100 Stationen geben, die für dieses Jahr vorgesehen sind. Und in zwei bis drei Jahren seien viele weitere Gebiete in Berlin erschlossen. Mit dem Ziel ähnlich wie in Paris, alle 300 Meter eine Call a Bike-Station anzubieten.

Vielen Dank. Die nächsten zwei Jahre darf ich also, von Besuchen in Mitte, Kreuzberg und Prenzlberg abgesehen, auf die DB-Mieträder verzichten…

Nun hat die Bahn natürlich gute Gründe für die Umstellung. Denn das bisherige System kostete sie richtig Geld und kam nie aus den roten Zahlen – weil die Zahl der Nutzer begrenzt blieb (die Anmeldung der Handy-Nr. schließt zum Beispiel Tagestouristen in Berlin aus), weil Räder gerne mal irgendwo versteckt und damit teilprivatisiert wurden, weil die Vandalismus-Rate in manchen Stadtteilen über das erträgliche Maß hinaus ging. In Hamburg dagegen, wo schon länger das für Berlin neue Stations-System mit Kundenkarte (und wahlweise für Touristen: auch mit Bank-Karte) gilt, stiegen dagegen die Nutzerzahlen heftig an.

Das hört man auch, wenn man mit Leuten aus der Senatsverwaltung für Verkehr spricht. Die haben Verständnis für die Bahn und deren Call a Bike-Umstellung. Allerdings, sagt einer der Fahrrad-Engagierten dort, hätte die Bahn das vielleicht ihren Berliner Mietrad-Nutzern ein wenig besser erklären müssen.

Vielleicht hätte sie es überhaupt erst mal erklären müssen. Aber da ist er doch, der fünfte Reiter der Apokalypse, die Öffentlichkeit.

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2 Antworten zu Die Bahn, das Rad und die Großstadt

  1. veselinovic schreibt:

    Ah ja, danke für die Erklärung, ich hatte mich schon gewundert, wo die Räder bleiben.
    Mir fehlt auch ein bisschen das Verständnis für das neue Prinzip.
    Dass das mit der Handy-Anmeldung die Tagestouristen abgeschreckt hätte, stimmt nicht ganz, unsereiner konnte ja auch in Köln, Hamburg, Frankfurt usw. die Räder nutzen und umgekehrt auch. Gilt natürlich nur für Bewohner von Städten, die auch DB-Räder hatten, für andere hätte sich wohl der Anmelde-Aufwand nicht gelohnt.
    Schaumermal, wie das jetzt so weitergeht… ich jedenfalls habe beschlossen, lieber wieder in ein eigenes Rad zu investieren und notfalls auch mal ein Zweitrad am S-Bhf Wannsee zu deponieren oder so. Bei Bedarf verleihe ich dann gerne einen Zweitschlüssel.

  2. Bernd schreibt:

    es gibt eine L�sung, dann m�sst ihr auch nicht Angst um eure R�der haben.

    schaut mal www. biketower.de eine clevere L�sung

    [Ist schon hart am Rande der Werbung… urbanmobil]

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