Doppelt so teuer, nicht mal halb so gut

Das segensreiche Wirken der Deutschen Bahn im öffentlichen Nahverkehr Berlins ist den Hauptstadt-Bewohnern dauerhaft präsent – seit Jahren ist der Betrieb der S-Bahn eingeschränkt, Züge müssen langsamer fahren, es hakt an allen Enden. Jetzt nimmt sich die Bahn eines weiteren innerstädtischen Verkehrsmittels an: ihre Mieträder, das Call-a-Bike-System, werden auf eine neue Verleihart umgestellt. Das ist unter bisherigen Nutzern heftig umstritten, vor allem aber:  im Vergleich zu dem immer wieder als Vorbild genannten Hamburger System Stadtrad Hamburg kassiert die Bahn in Berlin richtig ab.

Der Reihe nach: In den vergangenen Jahren konnten die Call-a-Bike-Miträder überall innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings per Handy angemietet und auch überall wieder abgestellt werden, vorausgesetzt, es war an einer halbwegs großen Straßenkreuzung. Das Gebiet war ziemlich groß – und ermöglichte mit der flexiblen Anmietung und Rückgabe eine vernünftige Nutzung.

Im vergangenen Jahr testete die Bahn dann ein System, bei dem die Räder nur noch an bestimmten Standorten angemietet und auch wieder zurückgegeben werden konnten – dafür mit elektronischer Kundenkarte statt Handy. Das System hatte Schwächen, die ich als Testkunde auch moniert hatte. Dennoch kam die Bahn zu der Ansicht: Die Kunden wollen das.

Und jetzt wird am 20. Mai das neue System flächendeckend eingeführt. Flächendeckend? Von wegen. Die Anmietstationen gibt es vorerst nur in Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg, der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist in der Planung. Damit wird gegenüber vorher aber nur ein geringer Teil des Riesengebiets innerhalb des S-Bahn-Rings abgedeckt – die westlichen Stadtteile bleiben, vermutlich noch auf Jahre, erst mal außen vor.

(Weil das Foto so gut passt, hier noch mal: Call a Bike am Boden.)

So weit, so schlecht, so bekannt. Doch die Bahn leistet sich eine weitere Dreistigkeit: im Gespräch mit Bahn-Mitarbeitern – und auch in Blog-Kommentaren – wird zum Beleg für die Nutzung eines solchen stationsbasierten Systems gerne das Hamburger Beispiel herangezogen. Das habe sich doch bewährt, also passe das auch für Berlin.

Nun gut. Schauen wir uns die Details mal an. Schon die Übersichtskarte der Standorte zeigt, dass in der Hansestadt nicht gerade mal zwei Stadtteile mit diesem Mietrad-System erschlossen sind, sondern schon ein paar mehr. Nun gut, mit ein paar Jahren Geduld wird es in Berlin vielleicht auch irgendwann so weit sein.

Richtig dreist ist allerdings die Preisgestaltung im Vergleich zum Hamburger Modell. Was zahlt der Nutzer in Hamburg? Nun, die erste halbe Stunde ist grundsätzlich kostenfrei. Danach kostet die Minute – bis zur Nutzung des Rades für eine volle Stunde – vier Cent, mit BahnCard oder Jahreskarte des öffentlichen Nahverkehrs drei Cent. Noch mal: 30 Minuten frei, vier Cent die Minute.

Und in Berlin? Acht Cent die Minute, auch mit BahnCard. Keine Minute frei. Die ersten 30 Minuten kostenfrei kann man sich zwar hinzubuchen – im so genannten Pauschal-Tarif für 36 Euro (oder 27 Euro mit BahnCard) pro Jahr. Selbst wenn da eine deutliche Reduzierung für BahnCard- und Jahreskarteninhaber bei diesem Pauschal-Tarif hinzukommen sollte (neun Euro sind als Schnupper-Tarif angekündigt, also nicht dauerhaft): Acht Cent. Gegen drei oder vier Cent.

Da fällt schon kaum noch ins Gewicht, dass in Berlin – wie im ganzen sonstigen Call-a-Bike-System – eine Registrierungsgebühr von zwölf Euro fällig wird, von denen bei Online-Registrierung (!) 7,50 Euro als Fahrtguthaben zur Verfügung stehen. Beim Hamburger Stadtrad kostet die Registrierung fünf Euro – und wird in voller Höhe als Guthaben für Fahrten gutgeschrieben.

Unterm Strich: Die Bahn sollte darauf achten, dass der Betrieb der Mieträder in Hamburg bloß nicht als Referenz für das Berliner System genannt wird. Denn in der Hauptstadt ist sie doppelt so teuer. Und nicht mal halb so gut. Aber dafür ist ja das Berliner System auch ein Anliegen des Bundesverkehrsministeriums und des Senats – also ein weiteres Grab meiner Steuergelder.   das modernste Leihfahrradsystem in Deutschland.

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3 Antworten zu Doppelt so teuer, nicht mal halb so gut

  1. Torsten Herrmann schreibt:

    Ich weiß, es wurden schon x Argumente ausgetauscht, aber diese Ankündigung ist wirklich dreist. Als es startete, war ich fassungslos, dass so ein chaotisches System (ich meine das positiv) in Deutschland und von dem Anbieter möglich sein konnte. Es war einer der Gründe, warum ich die Bahn immer wieder gegen Kritiker verteidige.
    Als Frankfurter habe ich bei meinen Besuchen in Berlin und anderen Städten immer gerne Call-a-bike genutzt. Wenn ich das richtig verstehe, wird das System nun regionalisiert. Aber für 3-5 Fahrten im Jahr in Berlin werde ich es nicht nutzen. Also entweder laufen oder ÖPNV. Oder Taxi.
    Zudem will ich mich ungern mit meiner EC-Karte an Terminals im öffentlichen Raum identifizieren lassen. Mir reicht es schon, immer an Geldautomaten rumzuruckeln, ob da nicht gerade meine Daten abgegriffen werden.
    Ein Fahrrad zu finden ist mit einer App ganz leicht. Früher habe ich auch Straßen abgesucht, heute schaue ich, wo die Dinger stehen und laufe entsprechend los. Das ist das flexibelste, kundefreundlichste System und ich will arg hoffen, dass dieser Unsinn auf die Hauptstadt beschränkt bleibt (und dort schnellstmöglich eingeht).
    Dass dieser Unsinn vom Verkehrsministerium gefördert wird, ist natürlich einen Eintrag ins Schwarzbuch wert. Hat dieses Ministerium (im Einklang mit quasi allen anderen) in dieser Legislaturperiode eigentlich schon was vernünftiges auf die Beine gestellt? Es geht in diesem Rahmen weit, aber dies ist die tatenloseste Regierung, die ich je erlebt habe.

  2. dirndle schreibt:

    Just noticed a couple of these this morning UdL… http://www.nextbike.de/

  3. Daniel Burek schreibt:

    Was hier vergessen wird zu erwähnen ist, dass in Hamburg das Stadtrad-Programm vom dortigen Senat und der Hochbahn gefördert werden! In Berlin jedoch nicht!

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